Kategorie: Identität & Körper

Erzählungen und Analysen über Selbstbilder, Gender, Identität, Körperlichkeit. Wie wir uns sehen und wie wir gesehen werden. Bücher über Transformation, Verletzlichkeit, Selbstbestimmung.

  • Nesibe Kahraman: Alles, was dazwischen liegt

    Nesibe Kahraman: Alles, was dazwischen liegt


    Ein autobiografisch geprägter Debütroman über queere Identität, migrantisches Aufwachsen, mentale Krisen und die Suche nach Zugehörigkeit.

    Kindheit im Einfamilienhaus. Innen Gewalt, außen Anpassung. Jugend zwischen migrantischen Erwartungen und feministischer Wut. Ein Zusammenbruch, eine Diagnose, eine neue Sprache.

    In dieser autofiktionalen Erzählung verwebt Kahraman Trauma, Genderfragen und Community zu einer suchenden, offenen Form.

    Ein queerer Körper im Aufbruch.

    Wer wärst du, wenn du niemandem mehr gefallen müsstest?


    Alles, was dazwischen liegt ist ein literarisches Debüt mit Wucht. Kahraman schreibt mit Klarheit über psychische Krisen, queeres Begehren und das Gefühl, nicht hineinzupassen – in Familie, in Geschlecht, in Sprache. Die Form ist nicht glatt, sondern suchend, fragmentarisch, poetisch direkt.

    Manche Passagen bleiben bewusst unfertig, sodass Erzählschritte sich manchmal wiederholen. Doch gerade das Fragmenthafte trägt die Wahrheit der Erfahrung. Dieses Buch ist nicht rund, sondern roh – und deshalb glaubwürdig.


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  • Graeme Macrae Burnet: Fallstudie

    Graeme Macrae Burnet: Fallstudie


    Ein verspielter, unzuverlässiger Roman über Psychotherapie, Identität und Wahrheit. In Fallstudie entführt Graeme Macrae Burnet in die Tiefen der menschlichen Psyche. Ein raffinierter Roman über Identität, Wahnsinn und die Frage, wie viel von dem, was wir sehen, wirklich die Wahrheit ist – spannend und verstörend zugleich.

    Ein fiktiver Psychiater, ein gefundenes Notizbuch, ein Roman, der sich als Dokument ausgibt. Graeme Macrae Burnet verwischt die Grenze zwischen Wahrheit, Wahn und Rolle mit literarischer Präzision. Er spielt mit Format, Stimme und Identität und legt dabei offen, wie tief Psychologie und Fiktion ineinandergreifen.

    Was bleibt von einer Figur, wenn man ihr glaubt und dann alles in Frage stellen muss?


    Fallstudie ist ein intelligenter, doppelbödiger Roman, der mit der Form spielt, ohne sich darin zu verlieren. Burnet nutzt das Setting der Psychotherapie nicht, um zu analysieren, sondern um Instabilität zu erzeugen. Wer spricht? Wer schreibt? Wer lügt? Die Konstruktion ist raffiniert, der Ton kontrolliert, der Zweifel bleibt konstant.

    Kritisch mag man fragen, ob das Spiel mit Identität nicht zu sehr auf Konstruktionsebene bleibt. Empathie entsteht kaum, Nähe wird vermieden. Doch genau diese Kälte macht den Text so reizvoll. Fallstudie ist kein psychologischer Roman, sondern ein Roman über psychologische Lesarten.


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  • Ruth-Maria Thomas: Die schönste Version

    Ruth-Maria Thomas: Die schönste Version


    Ein autofiktionaler Debütroman über Selbstinszenierung, Körper, Mutterschaft und weibliche Ambivalenz.

    Die schönste Version ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein Splitter im Schönheitsdiskurs, ein poetisches Protokoll weiblicher Ambivalenz. Thomas schreibt offen über postpartale Erschöpfung, Therapien, Selbstbildstörungen und die Gewalt der Erwartungen. Ein Buch, das fragt, ohne zu beruhigen.

    Wie nah kommst du dir, wenn du dich endlich nicht mehr anschaust? Wer wärst du ohne Spiegel?


    Ruth-Maria Thomas legt mit Die schönste Version ein intensives, stark komponiertes Debüt vor. Die Sprache ist messerscharf und zugleich tastend, der Text changiert zwischen essayistischer Reflexion und emotionaler Verdichtung.

    Kritisch könnte man bemerken, dass die ästhetische Selbstbeobachtung manchmal kreist, sich wiederholt, das Leiden stilisiert. Doch genau darin liegt die Kraft: in der kompromisslosen Darstellung weiblicher Komplexität, ohne didaktische Auflösung.


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  • Senka Maric: Body Kinstugi

    Senka Maric: Body Kinstugi


    Ein fragmentarischer autofiktionaler Roman über Brustkrebs, Körperverlust und Selbstzusammensetzung.

    Körper Kintsugi ist eine dichte, poetische Erzählung über Brustkrebs, über das Verstummen und Wiederfinden von Sprache, über das Ich im Schmerz. Marić legt Wunden offen, aber ohne Selbstmitleid. Sie zeigt: Der Körper zerbricht, aber er ist nicht verloren. Ein leises Buch mit Nachhall.

    Wie viel von dir bleibt, wenn du alles verlierst?


    Senka Marić gelingt mit Körper Kintsugi eine radikale Körpererzählung. Ihre Sprache ist reduziert, rhythmisch, glasklar. Jede Szene ein Splitter, jeder Splitter Teil eines Körpers, der sich nicht wiederherstellen will, sondern neu entwirft.

    Kritisch ließe sich sagen, dass das Fragmentarische Distanz schafft, dass man als Leser:in manchmal außen vor bleibt. Doch gerade darin liegt eine Stärke: kein Spektakel, sondern ein leiser, mutiger Text über das Überleben.


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  • Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde von Maali Almeida

    Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde von Maali Almeida


    Ein satirischer, politischer, übernatürlicher Roman über Krieg, Tod, Journalismus und Geister in Sri Lanka.

    Die sieben Monde von Maali Almeida ist ein wildes literarisches Experiment zwischen Politkrimi, Höllentrip und zärtlicher Geistergeschichte. Maali ist tot, aber nicht fertig. Als Kriegsfotograf hat er Beweise für Gräueltaten gesammelt – jetzt muss er sie in sieben Nächten aus dem Jenseits in die Welt bringen. Karunatilaka schreibt schnell, scharf, komisch und tieftraurig. Ein Buch über Wahrheit, Gewalt und das Flimmern des Lebens.

    Was bleibt, wenn du stirbst, bevor du alles gesagt hast?


    Karunatilaka gelingt ein einzigartiger Ton: bissig und berührend, absurd und messerscharf. Der Roman ist übervoll, aber nie überfrachtet – eine furiose Mischung aus Horror, Slapstick, Trauma und politischem Zeugnis.

    Kritisch ließe sich sagen, dass nicht jede Wendung zündet, manches wirkt verspielt um des Spiels willen. Doch die literarische Kühnheit, der politische Mut und die emotionale Tiefe machen dieses Buch zu einem seltenen Geschenk.


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  • Verena Keßler: Eva

    Verena Keßler: Eva


    Ein ruhiger, pointierter Roman über Mutterschaft, Wahlfreiheit und das Recht, Nein zu sagen.

    Eva arbeitet beim Fernsehen, sie liebt ihren Partner, sie ist klar in dem, was sie nicht will. Und doch trifft ihre Entscheidung gegen ein Kind auf Widerstand, Erwartungen, Irritation. Verena Keßler schreibt nüchtern, genau und unaufgeregt über ein Thema, das nie sachlich bleibt. Ein Roman über das Recht, nicht zu wollen.

    Wie frei ist eine Entscheidung, wenn sie ständig verteidigt werden muss?


    Eva ist ein stiller, kluger Roman über weibliche Selbstbestimmung. Keßler erzählt ohne Provokation, ohne Radikalität, aber mit genauer Beobachtung. Die Stärke liegt in der sprachlichen Zurückhaltung, die der Hauptfigur ihr Recht auf Komplexität lässt.

    Die literarische Form bleibt streckenweise ein wenig zu glatt, die Ambivalenzen zu kontrolliert. Doch genau darin liegt auch die Aussage: Es braucht keinen Bruch, keine Tragödie, kein Trauma, um Nein zu sagen.


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  • Vuong, Ocean: Auf Erden sind wir kurz grandios

    Vuong, Ocean: Auf Erden sind wir kurz grandios


    Ein lyrischer Brief von einem Sohn an seine Mutter, der Schönheit und Schmerz in ein intensives Wechselspiel bringt. Ocean Vuong beleuchtet in „Auf Erden sind wir kurz grandios“ die flüchtigen Momente des Lebens – roh, ehrlich und von tiefer Poesie durchdrungen.

    Auf Erden sind wir kurz grandios ist ein radikaler Briefroman über Herkunft, Trauma, Männlichkeit und queere Identität. Ein poetischer Briefroman über Migration, Krieg, Gewalt, Begehren und das Schweigen zwischen Mutter und Sohn. Vuong schreibt mit der Sensibilität eines Dichters und der Wucht eines Überlebenden. Die Sprache ist bildreich, körperlich, eruptiv – aber immer kontrolliert. Ein Buch, das schmerzt und heilt, oft gleichzeitig.

    Wer wärst du, wenn du alles aussprechen dürftest?


    Vuong schreibt gegen das Schweigen an. Sein Debütroman ist lyrisch, roh und voller zärtlicher Härte. Jeder Satz sitzt, jeder Absatz trägt Bedeutung.

    Manchmal wird die lyrische Verdichtung vielleicht etwas zu viel – als würde Sprache den Schmerz verkleiden. Aber genau darin liegt auch die Stärke: Vuong schreibt nicht, um zu erklären, sondern um zu bezeugen.


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